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1. LBT „Stereo“
2. Masaa „Irade“
3. Markus Reuter „Truce“
4. Frederik Köster „Die Verwandlung – Golden Age“
5. Yelena Eckemoff „Nocturnal Animals“
6. Ingrid Jensen & Steve Treseler „Invisible Sounds: For Kenny Wheeler&#...
Freitag 14.02.2020
LBT „Stereo“
Bilder
Sie sprengen die Stile – manchmal auch die kühnsten Visionen. Leo Betzl und seinen Begleitern gelingt auch auf „Stereo“ ein ungewöhnlicher Spagat. Der Pianist bringt nicht nur unterschiedliche Ansätze in der Musik zusammen. Sein Trio ist zudem in der Lage, mit Gegensätzen problemlos umzugehen, sie gegenüberzustellen und ihre Verschiedenartigkeit wirken zu lassen. Die Drei begreifen Musik als eine Art Spielwiese, auf der (fast) alles erlaubt ist. Allein ihre Leidenschaft und ihr Können zählen.
Da wäre auf der einen Seite (CD 1) der Husarenritt im Technotrend. Unbeirrt, erbarmungslos, minimalistisch. Auf der anderen Seite (CD 2) Improvisationen auf der Basis des zeitgenössischen Klaviertrios. Intelligent, differenziert, zeitlos. Hier hart getaktete Beats und rhythmisch schlüssige Überlagerungen. Dort feine Jazzharmonien und melodisch ausgeklügelte Ideen.
Betzl (Klavier), Maximilian Hirning (Bass) und Sebastian Wolfgruber (Schlagzeuger) brechen mit ihrer Art des Musizierens den Mutterboden auf, zerpflügen und zerpflücken die fruchtbaren Schollen und säen Neues. Das wächst und sprießt auf „Stereo“ in alle Himmelsrichtungen. Musikalische Kurzgeschichten, die für Spannung sorgen, kleinorchestrale Dramen, strukturiert und drängend. Sentimentalitäten sucht man vergeblich. Swingende Traditionen in Form ausufernden Standradrepertoires - Fehlanzeige. Stattdessen kollektive Gruppenarbeit, scharf formulierte, vor allem aber selbstbestimmte Emanzipation und eine mutige Umsetzung. Großstadtmusik eben.
Betzl ist am Klavier ein Tausendsassa, der mit Sicherheit Monk und Jarrett, Peterson und McCoy Tyner verinnerlicht hat, sie alle aber nicht zitiert. Es scheint, als beherzige er die Schulweisheit der Jazz-Kunst: Sauge alles schwammähnlich in dich auf und vergiss es anschließend wieder und beginn von vorn. Der mit Sicherheit beste Filter, der der eigenen Inspiration (und dem Publikum) Tür und Tor öffnet.
Jörg Konrad

LBT (Leo Betzl Trio)
„Stereo“
Enja/Yellowbird

LBT spielen am Samstag, 15.02. um 20:00 Uhr im AMPERE - MUFFATWERK, München
( Zellstraße 4, 81667 München)
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Donnerstag 13.02.2020
Masaa „Irade“
Bilder
Auch wenn die Musik dieser Welt immer näher zusammen zu rücken scheint, ist der Grenzen überschreitende Klang nicht jedes Mal gleichbedeutend mit Weltmusik. Bestes Beispiel ist das Quartett Masaa. Seit mittlerweile acht Jahren besteht die Formation und ihr herausragendes Kennzeichen ist und bleibt ihr ganz eigener Sound. Man darf im vorliegenden Fall schon von einer Gruppenindividualität sprechen. Denn die vier Musiker verfolgen gemeinsam nur ein Ziel: Die Umsetzung ihrer sehr persönlichen Ideen in berührende Tonfolgen. Das gilt auch für das Album „Irade“.
Bei Masaa treffen unterschiedliche Kulturen, Charaktere und Visionen zusammen, die jedoch eines vereint: Die Musik an sich. Selbst dann, wenn ein Bandmitglied aussteigt (Pianist Clemens Pötsch) und durch einen neuen Instrumentalisten (Gitarrist Reetko Dirks) ersetzt wird. Der Gedanke innerhalb des Quartetts bleibt der gleiche. Auch wenn sich Nuancen im Gefüge der Musik verändern. 
Den orientalischen Grundcharakter setzt Masaa auf „Irade“ weiterhin um. Rabih Lahouds Gesang verkörpert Wärme und Stolz, seine Stimme besitzt etwas exotisch Herausforderndes und wirkt doch dabei so menschlich und einfühlsam. Der im Libanon geborene Lahoud versteht es, der Musik in Inhalt und Ausdruck eine poetische Dimension zu geben, die in ihrer Emotionalität und Würde tief berührt. „Die Willenskraft meines Herzens schläft, wenn ich nicht an sie glaube“, sagte er kürzlich in einem Interview. Hinzu kommt Trompeter Marcus Rust, der mit seinem Instrument Atmosphären schafft, die an kammermusikalische Architekturen erinnern, der aber auch in der Lage ist, zielstrebig zu improvisieren und spannungsgeladene Bögen zu formen. Reentko Dirks wechselt an der Gitarre die Stimmungen zwischen orientalischer Ornamentik und westeuropäischer Folklore. Das gelingt ihm durch eine Spezialanfertigung, durch eine Double-Neck Guitar, deren beide Hälse einen entsprechend unterschiedlichen Klang ermöglichen. Demian Kappensteins sinnliche Schlagzeugbegleitungen haben perkussiven Charakter, wirken weniger durch synkopierte Unruhe, als vielmehr durch ein flüssiges Untermalen, durch fundamentale Verstrebungen, die Klarheit, Durchsicht und Struktur geben. Alle vier bewegen sich linear, unterstützen sich gegenseitig, fordern sich heraus, wirken dabei gelassen. Damit bietet diese Musik statt eitlem Virtuosentum anregende Intensität und eine große mitteilsame Ruhe.
Jörg Konrad

Masaa
„Irade“
Traumton

MASAA spielen am Samstag, 15.02. um 20:30 Uhr im Münchner Jazzclub UNTERFAHRT
(Einsteinstraße 42, 81675 München)
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Montag 10.02.2020
Markus Reuter „Truce“
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Wem es im Zuge der ungeheuerlichen Thüringen-Rochade, des Julian- Assange-Politikums oder dem Trump-Dilemma an klaren Aussagen und Statements, bzw. an einer emotionalen Reaktion hierauf mangelt, dem sei an dieser Stelle das neue Album von Markus Reuter empfohlen. Denn wenn andere Musiker sich noch mit langen Vorreden aufhalten, eine Weile brauchen, um sich in Stimmung zu spielen, oder noch gedanklich an einem lyrischen Intro feilen, ist Reuter meist schon mitten drin, in wehrhaften Gitarrensalven und rastlosen Gitarrenläufen. Auch sein neues Album TRUCE ist so eine Mischung aus knallhartem, gitarrenbetontem Prog-Rock und psychedelischen Sound-Architekturen. Ohne Pathos und ohne zeitraubende Unverbindlichkeiten hält er in den sieben Kompositionen oft über lange Zeiträume ein hohes innovatives Level. Sein Spiel hat Charakter, sein Spiel wirkt inspirierend und fordert heraus, sein Spiel ist ebenso gradlinig überwältigend, wie künstlerisch effizient.
Reuter bricht mit seinem Gitarrenspiel und mit seinen Ideen physische Widerstände. Seine dabei freigesetzte Intensität scheint in der Lage Berge zu versetzen. Seine Improvisationen sind archaisch und zugleich intellektuell, als wolle er mit ihnen das ganze Universum zum Ausdruck bringen.
Das ginge in dieser Konsequenz und in dieser ungenierten Selbstsicherheit sicher nicht ohne seinen Bassisten Fabio Trentini und Schlagwerker Asaf Sirkis. Beide bilden nicht nur das rhythmische Rückgrat. Sie sind mit ihrer druckvollen Begleitung zugleich Impulsgeber für die eindringlichen und raffinierten Perspektiven ihres Leaders. Sie begleiten subtil, diskret, wenn es ein muss mit Verve und gegen jeden Vergleich von außen resistent. Sie füllen Räumen, lassen andere wiederum offen, sie gestalten komplexe Fundamente voller Aufrichtigkeit und Umsicht.
Dass der heute in Berlin lebende Markus Reuter neben seinen vielen Band-Projekten (Stick Men mit Pat Mastelotto und Tony Levin, das Duo Tuner oder Centrozoon mit Bernhard Wöstheinrich) zugleich Gitarren designt, ist eigentlich nur logisch. Denn alles kreist bei ihm um das Saiteninstrument, alles dreht sich um Sound und Technik. Doch das akustische Ergebnis seiner Leidenschaft klingt letztendlich so gar nicht verkopft. Es ist, wie auf TRUCE zu hören, rohe existenzielle Energie, die auf organisch anmutende Weise markante Klangquellen in Schwingungen versetzt.
Jörg Konrad

Markus Reuter
„Truce“
Moonjune Records

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Montag 03.02.2020
Frederik Köster „Die Verwandlung – Golden Age“
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Frederik Köster ist als Trompeter mittlerweile ein Institution. Das macht besonders sein neues Album „Golden Age“ deutlich. Es ist eine Sammlung von Kompositionen, die durch ungerade Metren und Skalen besticht und damit ganz neue Maßstäbe setzt, mit denen sich der Sauerländer mit Sicherheit auch international behaupten wird. Vielleicht liegt es ja daran, dass Köster schon einige Jahre zur Band des indischen Trommlers Trilok Gurtu gehört. Denn hier herrscht wie selbstverständlich weltmusikalisches Einvernehmen, welches auch auf die individuellen Stärken und Ausdrucksmöglichkeiten der Bandmitglieder Einfluss nimmt. Dadurch entsteht eine Musik von expressiver Toleranz auf der Grundlage von Rhythmusmustern ganz unterschiedlicher Kulturen.
Und hier setzt eben „Golden Age“ an. Deutlich hörbar sind arabische Einflüsse, die der Musik Farbe und Exotik geben. Kösters Quartett geht mit vollem Risiko und hörbarer Überzeugung auf die verschobenen Taktmuster ein und nimmt sie auf. Die Band reibt sich an den gesetzten Harmonien, erkundet im Miteinander von akustischen und elektronischen Instrumentarium immer wieder neue Klangräume.
Die solistischen Beiträge der Bandmitglieder sind das Ergebnis von klaren Überlegungen, von Authentizität und Temperament. Allen voran Kösters differenziertes, packendes, leidenschaftliches Trompetenspiel. Dadurch bekommt die Aufnahme eine explosive Bestimmtheit und spürbare Glaubwürdigkeit. Niemand biedert sich einem trügerischen Schönklang an, sondern fordert heraus, sucht die Momente der Provokation und der Motivation seines Mitmusikers.
Sie alle (Sebastian Sternal, Joscha Oetz und Jonas Burgwinkel) gehörten einst zur Nachwuchsgarde, zur Zukunftshoffnung des bundesdeutschen Jazz. Mittlerweile sind sie gereift, haben sich von ihren manchmal allzu nahen Vorbildern gelöst, haben sich frei gespielt und freigedacht. Aus den Samen von einst sind prachtvolle Blüten geworden, die im Saft stehen, bewusst und konsequent ihre eigenen Wege suchen und finden und somit zu einem Meisterwerk, wie es „Golden Age“ darstellt, fähig sind.
Jörg Konrad


Frederik Köster
„Die Verwandlung – Golden Age“
Traumton
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Samstag 25.01.2020
Yelena Eckemoff „Nocturnal Animals“
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Sie belegt einige Sparten der Kunst. Yelena Eckemoff schreibt, fotografiert, malt, komponiert und sie spielt ausgezeichnet Klavier. Anfangs Klassik, nachdem sie in jungen Jahren das Mahavishnu Orchestra im Radio und Dave Brubeck Live in Moskaus gehört hat, ausschließlich Jazz. Allein in den letzten vier Jahren hat sie auf ihrem eigenen Label sechs CDs herausgebracht. Drei davon sind Doppelalben. Die heute in North Carolina lebende Pianistin scheint durchdrungen mit Ideen und voller Vitalität. Und sie besitzt einen ausgezeichneten Draht zu den großen Instrumentalisten des Jazz. Denn auf ihren Produktionen lassen sich Namen finden wie Chris Potter, Mark Feldman oder Ralph Alessi. Und immer wieder bedeutsame Schlagzeuger: Manu Katché, Billy Hart, Joey Baron, Gerald Cleaver.
Und das hat sich auch auf ihrer neusten Produktion „Nocturnal Animals“ nicht geändert. Hier hat die Pianistin den Leuchtturm unter den europäischen Bassisten, Arild Andersen an ihrer Seite. Der Schlagzeugpart ist sogar doppelt besetzt, mit den skandinavischen Meistertrommlern Jon Christensen und Thomas Stronen.
Zugegeben, eine eher ungewöhnliche Besetzung. Rhythmische Tumulte bestimmen den Charakter dieser Aufnahmen jedoch nicht. Denn sowohl Christensen, als auch der dreißig Jahre jüngere Stronen bespielen exzellent die Ränder der Musik. Sie nutzen offene Räume, die ihnen die Musik bietet, oder sie schaffen sie selbst, in dem sie anstatt Kraftmeierei eine nuancierte Sensibilität walten lassen. Nicht dass die beiden nicht auch ordentlich swingen könnten. Jedoch ist ihr Spiel immer Begleitung, gibt es immer eine ganz enge Beziehung zu allen Mitmusikern und erst recht zu den Solisten.
Das ist natürlich eine großartige Spielwiese für Yelena Eckemoff. Sie kann auf ihrem Instrument magisch berühren, kann druckvoll agieren, oder impressionistisch über die Tastatur schweben; sie versteht es, melodische Miniaturen auszuschmücken oder grüblerische Gedanken pianistisch zu formulieren, oder mit einzelnen Noten Ausrufezeichen setzen.
Grundlage für die insgesamt vierzehn Kompositionen auf „Nocturnal Animals“ sind animalische Porträts, musikalische Studien über das Wesen von Geschöpfen, die die Nacht beherrschen. Insofern ein Konzeptalbum, das tiefe Einblicke in das Denken und in die Seele von Yelena Eckemoff gibt. „Niemand weiß, wie und was Tiere denken“, erzählt sie in einem Interview. „Aber in meinen poetischen Schriften über sie sehe ich jedes einzelne als ein Wesen mit einer faszinierenden Persönlichkeit und sie alle denken und handeln ähnlich wie die Menschen in bestimmten Situationen.“ Ein musikalisches Kammerspiel, intim und trotzdem intensiv.
Jörg Konrad


Yelena Eckemoff
„Nocturnal Animals“
L & H, Inakustik
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Mittwoch 22.01.2020
Ingrid Jensen & Steve Treseler „Invisible Sounds: For Kenny Wheeler“
Bilder
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Als Kenny Wheeler 2014 verstarb, schrieb ein Journalist über ihn: „Nur wenige wichtige Musiker haben mit weniger Getue mehr Aufsehen erregt“. Der kanadisch-britische Trompeter und Flügelhornspieler war als Musiker und Komponist ein stiller Gigant. Nicht allein seine musikalische Vielfalt beeindruckte (er spielte im Jazzbereich alles, von Avantgarde über Hardbop bis hin zu den gefühlvollsten Balladen, er leitete Trios und große Orchester). Er war auch einer der zurückhaltendsten und demütigsten Menschen – außer wenn es um seine Musik ging. Dann konnte seine Neigung zur Selbstkritik grenzenlos sein.
Kenny Wheeler galt schon zu Lebzeiten für viele Musiker als ein strahlendes Vorbild. Auch die Ausnahme-Trompeterin Ingrid Jensen nannte ihn vor vielen Jahren einen ihrer wichtigsten Mentoren. Nun hat die aus Vancouver stammende Instrumentalistin „Invisible Sounds“ veröffentlicht, ein Album, das allein eben jenem Kenny Wheeler gewidmet ist.
Bis auf zwei Titel handelt es sich durchgehend um Kompositionen von Wheeler. Beglückende Stücke, mit eingängigen, wunderbaren Melodien, die in ihrer getragenen Schlichtheit alles spektakuläre und jeden Effekt wohltuend vermeiden. Ingrid Jensen hat den Saxophonisten Steve Tresler an ihrer Seite, ein Virtuose mit Sinn für Ästhetik und subtiler Begleitung. Die reguläre Band, zu der außerdem Geoffrey Keezer (Piano), Martin Wind (Kontrabass) und Jon Wikan (Drums) gehören, schafft es, Wheelersche Emotionen ohne Sentimentalität zu spielen. Die verschlungenen Improvisationen sind in den ausgewogenen Klang diskret eingebettet. Durchweg Alleskönner, die sich jedoch Beschränkungen auferlegt haben, zugunsten eines wohltemperierten Ordnungsprinzips.
Diese Musik besitzt Räume, die gut gelüftet sind, die eine Sehnsucht nach Freiheit atmen und doch immer die Balance zum hier und jetzt halten.
Speziell die Balladen stechen aus dieser Gesamtproduktion heraus. Als ob der gute Geist des Komponisten durch die Aufnahmen weht und ein Stück seiner Seele zurück gelassen hat.
Jörg Konrad

Ingrid Jensen & Steve Treseler
„Invisible Sounds: For Kenny Wheeler“
Whirlwind
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