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1. Flying Lotus „Flamagra – Instrumentals“
2. Doc Watson & Gaither Carlton
3. Lucinda Williams „Good Souls Better Angels“
4. Jon Balke „Discourses“
5. Jon Hassell - Ein Freigeist
6. Bruno Ganz & Kirill Gerstein „Enoch Aden“
Freitag 29.05.2020
Flying Lotus „Flamagra – Instrumentals“
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Ein Jahr ist es her, da erschien das Album „Flamagra“ von Steven Ellison, genannt Flying Lotus aus Los Angeles. Hier, an der Ostküste der USA, hat sich eine Szene etabliert, die so völlig anders ist, als jene im 7000 Kilometer entfernten Hipster-Zentrum New York. Dort klingt Musik oft wie eine strikte Kampfansage, spielen Überlebensstrategien und Existenzängste eben auch innerhalb der Künste eine entscheidende, wie hörbare Rolle.
In L.A. wirkt hingegen alles ein wenig entspannter, scheinen Spiritualität und Lebenfreude keine Gegensätze zu sein. Weil man sich hier mehr Zeit nimmt, weil Harmonie hier gleichgesetzt werden kann mit kreativem Feuerwerk, weil sich hier Dinge einfühlsam entwickeln können. Solange, bis sie inhaltlich und akustisch passen.
In solch einem Umfeld ist DJ und Produzent Flying Lotus, übrigens ein Neffe von Alice Coltrane, als Musiker und als Persönlichkeit (auf-)gewachsen. Er füllt mit seinen Veröffentlichungen den Graben zwischen HipHop, Electronica, Funk, Soul und Jazz – ohne angestrengt oder intellektuell maniriert zu klingen. Und dass er vom Mainstream meilenweit entfernt ist, versteht sich im Grunde von selbst.
Für „Flamagra“ hat FlyLo die gesamte L.A.-Szene eingespannt. Um nur einige wenige Namen zu nennen:  George Clinton, Little Dragon, Solange, Thundercat. Ja selbst Regie-Altmeister David Lynch hat es sich nicht nehmen lassen, zumindest eine kleine Geschichte zu erzählen.
Nun also erscheint das gleiche Album - aber instrumental. Und die Musik hat trotz fehlender Vocal-Parts überhaupt nichts von ihrem Reiz verloren. Einfach weil das, was FlyLo anpackt generell Substanz hat, Seele besitzt, in einer kaum zu züglenden Leidenschaftlichkeit mitreißt. Dieses Album kann mit dem althergebrachten Koordinatensystem der Stile nur schwer eingeordnet werden. Es geht innerhalb der relativ kurzen Stücke in immer wieder neue musikalische Richtungen - ohne dass irgendwelche Brüche oder Verwerfungen zu spüren wären. Diese Musik ist wie ein laufender, ein erzählender Film, bestehend aus unterschiedlichen Episoden, die aber alle zusammenhängen und erst in ihrer Summe überzeugen. Lebendige Soundströme, hackenschlagende Improvisationen, hymnische Harmonien, explodierende Rhythmen. Hier sind die letzten fünf Jahrzehnte Black Music genial und analog zusammengefasst. Und tanzbar ist das ganze auch noch!
Jörg Konrad

Flying Lotus
„Flamagra – Instrumentals“
Warp
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Montag 25.05.2020
Doc Watson & Gaither Carlton
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Als Arthel „Doc“ Watson 2012 im Alter von 89 Jahren starb, schrieb der Spiegel über den schon als Kind in Folge einer Augeninfektion erblindeten Gitarristen: „Er begeisterte Hippies ebenso wie konservative Country-Liebhaber“.
Seine erste Plattenaufnahme stammt aus dem Jahr 1960. Schon hier revolutionierte Watson das Gitarrenspiel, in dem er von der traditionellen Daumenpick-Technik ausgehend erstmals das Plektrum nutzte und mit der Zeit dieses Flatpicking perfektionierte. Dadurch kam der Gitarre als Instrument innerhalb der angesagten  Country- und Folkszene eine führende Rolle zu.
1962 gastierte Watson gemeinsam mit seinem Geige und Banjo spielenden Schwiegervater Gaither Carlton erstmals in New York, wo an zwei Tagen auch der Volksmusik-Enthusiast Peter K. Siegel anwesend war und mit einem Tonbandgerät der Marke Tandberg die Konzerte aufnahm. Ein Teil dieser „Ausbeute“ ist nun erstmals von Smithsonian Folkways aus den Archiven heraus ans Licht der Öffentlichkeit gebracht worden. Insgesamt 15 Songs, die sowohl in ihrer schlichten Transparenz, wie auch in ihrem improvisierenden Ineinandergreifen der Instrumentalstimmen beeindrucken.
Watson, der hier ebenfalls Banjo spielt, und Carlton sind auf dieser Tour perfekt aufeinander eingestimmt. Sie hatten zuvor schon häufig im Kreise ihrer Familien in North Carolina miteinander musiziert. Es ist Musik, die beide schon aus ihrer Kinderzeit kannten, eine Mischung aus Folk, Old-Time und Bluegrass. Schnell und leidenschaftlich gespielt, verziert mit Texten, die sich deutlich um die Härten (und auch Freuden) des Landlebens drehen. Es sind somit Alltagsgeschichten, die Watson mit seiner sanften Baritonstimme vorträgt, in der sich zugleich Witz und Intellekt paaren und die damit einen gewissen Charme verströmen. Man könnte auch von Old-School-Music sprechen, wie sie von Bob Dylan zu Beginn seiner Karriere aufgenommen wurde, oder später von Joan Baez, die sich, zumindest was den instrumentalen Teil ihres Spiels betrifft, später häufiger auf Doc Watson berufen hat.
Jörg Konrad
 
Doc Watson & Gaither Carlton
Smithsonian Folkways / Galileo
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Samstag 23.05.2020
Lucinda Williams „Good Souls Better Angels“
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Sie hat sich, was ihre musikalische Karriere betrifft, stets Zeit gelassen und damit jedes ökonomische Risiko auf sich genommen. In der Zwischenzeit ließ sie kaum eine (auch gesundheitliche) Gefährdung aus und gehört, vielleicht auch gerade aus den benannten Gründen, heute zu einer Handvoll textsicherer und singender Ikonen, die deutlich machen, dass sich Leben in seiner Summe einfach lohnt. In seiner Geradlinigkeit, Hingabe und Provokation. So hat sich Lucinda Williams mit zum Eindringlichsten, weil Authentischsten entwickelt, was Folk, Blues, Country und Rock'n Roll an ihren gemeinsamen Schnittstellen schon eine ganze Weile zu bieten haben.
„Good Souls Better Angels“ ist das mittlerweile fünfzehnte Album, das die 1953 in Lake Charles, Louisiana geborene Komponistin, Sängerin und Gitarristin jetzt veröffentlicht hat. Oder ist es Nummer sechzehn? So genau weiß man das bei ihr und den zahlreichen Bootlegs nicht. Und wenn man rückblickend bei fast all ihren produzierten Songs auch häufig dachte, nun ist sie wieder ein wenig weiser und universaler geworden und eine weitere Steigerung ihrer Leidensfähigkeit ist schwerlich möglich, geht sie mit dem nächsten Album noch einen Schritt weiter, klingt radikaler, robuster, lyrisch kämpferischer. So auch jetzt.
Denn „Good Souls Better Angels“ ist eine Sammlung von musikalischen Kostbarkeiten. Siebzehn notierte Rohdiamanten, denen Lucinda mit ihrer Stimme, ihrer Interpretation, ihrer Instrumentierung - ja mit ihrem sinnlichen Zorn erst den Feinschliff verpaßt. So entsteht berückend intensive Musik, als emotionale Antwort auf viele zornige Fragen unserer Zeit.
Und dass ihre Balladen in der ihr eigenen Gebrochenheit und Nachsicht mit zum Poetischsten gehören, was die Szene bereit hält, das wussten auch zuvor schon all jene, die Lucinda musikalisch verfallen waren.
Weniger dürften es auch mit diesem Album nicht werden. Im Gegenteil. Vorausgesetzt natürlich, ihre aufgesprungene Stimme würde sich einmal in die Endlosschleifen des Playlists des Formatradios verirren. Aber wahrscheinlich geht ihre Musik zu tief, wühlen ihre Songs in ihrer analytischen Direktheit zu stark auf, passt zu viel an unvergleichbarem Leben in knappe drei Minuten. So bleibt „Good Souls Better Angels“ mal wieder nur ein Fest für Kenner und all jene, die sich von Neugier leiten lassen.
Jörg Konrad

Lucinda Williams
„Good Souls Better Angels“
Highway 20
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Montag 18.05.2020
Jon Balke „Discourses“
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Die Musik schwebt förmlich durch den Äther. Sie hat, auch in ihrem sparsamen Umkreisen einzelner Motive, etwas anschmiegsames, vertraut wachsames, wie eine berührende Botschaft, die den Raum empathisch flutet. Und doch vermittelt sie auch Gegensätzliches, ja, es gibt Momente der unterschwelligen Provokation, bedrohliches. Es ist eine gewisse Unruhe zu spüren, deren Grad der Wahrnehmung sicher auch immer mit der eigenen Gefühlslage in engem Zusammenhang steht.
Jon Balke hat sein neues Solo-Piano-Werk „Discoures“ im Dezember 2019 in Lugano eingespielt. Da wussten die wenigsten, was der Menschheit weltweit bevorsteht. Auch wenn das Cover-Foto (von Jon Balke) wirkt, als sei es erst dieser Tage aufgenommen.
Jon Balke holt auf „Discourses“ die äußere Welt, das Widersprüchliche stärker als auf dem Vorgänger „Warp“ ins Studio, korrespondiert mit diesen Vorgängen, gibt ihnen damit Einlass in seine Musik und tauscht sich mit dieser Realität künstlerisch aus. „Wenn ich Nachrichten und Artikel aus verschiedenen Quellen lese,“ erzählt Jon Balke „bin ich, wie viele Menschen, engagiert, schockiert, frustriert, inspiriert und manchmal auch froh über das, was ich beobachte, und das bleibt mir im Prozess des Musizierens erhalten.“
Das ist, wenn man so will, ein Dialog auf drei Ebenen, den der norwegische Pianist Discourses nennt. Zum einen existieren kompositorische Skizzen, „vage Texturen“ wie er sie selbst nennt. In diese greifen oder aus ihnen entstehen flüchtige Improvisationen, auf der Grundlage spontaner weltoffener Ideen, sozusagen als verspielte Fortführung zuvor festgelegter Grundformen.
Und dann wären da noch die „sound processings“, jene Stimmungen und Atmosphären, die stellvertretend für das „draußen“ stehen. Für den Disput -oder auch die Sprachlosigkeit. „Als sich das politische Klima im Jahr 2019 mit immer polarisierterer Sprache verhärtete, wies mich der fehlende Dialog in Richtung jener Begriffe, die nun die Titel der einzelnen Tracks bilden.“
Mit „Discourses“ setzt Jon Balke seine beeindruckende Diskographie auch im vierten Karrierejahrzehnt fort. Egal ob, wie im vorliegenden Fall, als Solointerpret, als impulsspendender Sideman in verschiedenen Kleinstbesetzungen, oder in seinen Orchesterprojekten Magnetic North, Batagraf und Siwan, immer beeindruckt der Pianist und Komponist durch seine Selbstständigkeit, durch seinen emanzipierten und überzeugenden Umgang mit verschiedenen musikalischen Ausdrucksformen, durch seine emotionale Lebendigkeit, letztlich durch seine empathischen, aber auch Haltung vermittelnden musikalischen Diskurse.
Jörg Konrad

Jon Balke
„Discourses“
ECM
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Montag 11.05.2020
Jon Hassell - Ein Freigeist
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„In seiner Musik koexistieren Stammeskulturen und westliche Technologien, die mit glitzernden, elektronisch modifizierten Improvisationen angereichert sind, die über den Klängen einer Trommel und über dem verhallenden Echo eines Gongs fließen“, schrieb einst die New York Times über Jon Hassell.
Als der Trompeter sein erstes Album herausbrachte („Vernal Equinox“) war er selbst schon vierzig Jahre alt. Ambient-Erfinder Brian Eno hörte diese Platte kurz nachdem sie 1977 erschien. Eno selbst hatte zu dieser Zeit, wie er in einem Interview erzählte, tagelang krank im Bett gelegen. Und er ist sich bis heute sicher, dass es Hassells Musik war, die ihn hat genesen lassen.
Als Ergebnis dieser Erfahrung nahm Eno direkten Kontakt zu Hassell auf und beide begannen, aufgrund einer deutlich spürbaren künstlerisch-seelischen Verwandtschaft, einige musikalische Projekte gemeinsam umzusetzen. Neben dem minimalistioschen Weltmusik-Album „Fourth World, Vol. 1: Possible Musics“, über das die Musikzeitschrift Spex bei seiner Wiederveröffentlichung 2014 urteilte „Hypnotisierend, betörend und diskret“, ist auch „Flash Of The Spirit“ aus dem Jahr 1987 ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit. Außer Eno, Daniel Lanois und einigen handverlesenen Musikerfreunden hatte Hassell für diese Aufnahme eine achtköpfige Trommelgruppe aus dem westafrikanischen Burkina Faso mit im Studio, die durch ihre ständig wechselnden Rhythmusmotive die Grundstimmung der Musik dominierte. Sie sind ein Teil des Fourth-World-Gedankens, der Philosophie hinter den praktischen musikalischen Expeditionen des Trompeters. „Die Idee ist, das Traditionelle und Spirituelle der Dritten Welt mit der Technologie der Ersten Welt zu verschmelzen“, erläurt Hassell seine Heranggehensweise.
Dabei nutzt der 1937 in MemphisTenessee geborene Trompeter ebenso Musik aus Südamerika, wie Feldaufnahmen der Inuits nördlich der Polarkreises oder Mitschnitte ritueller Stammesmusik der Pygmäen aus dem zentralafrikanischen Regenwald, die er mit modernstem technischem Equipment seziert, modifiziert und damit individualisiert, so dass letztendlich völlig neue, strahlende Klänge entstehen.
Jon Hassell war schon immer der Meinung, dass es „reine“ Musik im Grunde ihres Wesens nicht gibt. Alle Musik ist letztendlich das Ergebnis von Einflüssen und deren individuelle Verarbeitung. Im Prozess des bewussten Komponierens kommen eine Unmenge unbewusster Dinge zum Tragen, werden in Noten und in Pausen geformt, später in Arrangements gegossen. Hassell lebte zum Beispiel lange Zeit in New York und hat hier unter der Hektik und der Lautstärke dieser Stadt enorm gelitten. Das brachte ihn dazu, Musik zu schreiben, die genau das Gegenteil dieser Betriebsamkeit ausdrückt, die nach völlig anderen, weitaus weniger „zivilisierten Welten“ klingen, ohne in der Aufbereitung jedoch die technischen Möglichkeiten der Gegenwart auszuklammern.
So entstanden immer wieder Alben, die völlig aus der Zeit gefallen scheinen, universale Kostbarkeiten, losgelöst von Zeit und Raum und die vom ersten Ton für Aufmerksamkeit sorgen und durchgehend faszinieren. „Power Spot“, eine Aufnahme, die Jon Hassell für das Münchner ECM Label 1986 eingespielt hat, ist so ein Beispiel. Die akustischen und elektronischen Trommelfiguren zu Beginn des Titelsongs klingen wie eine Art Reisemusik durch die unendlichen Weiten des Kosmos. Hier bereichern sich Archaisches und Modernes, gehen eine pulsierende Symbiose ein und finden trotz allem eine ausgewogene Balance,
Das Rhythmische, das perkussiv Instrumentale bildet die Grundlage, das Gerüst in Hassells Spiel und erinnert in seiner Umsetzung an einen Ausspruch des gerade erst verstorbenen afrikanischen Schlagzeugers Tony Allan: „Die Drums sind das Fundament jeder Musik. Die Drums sind die Basis.“ Egal, um welches Schlaginstrument es sich handelt.
Ausgehend von derartigen Überlegungen ist er natürlich auf der ständigen Suche nach Freigeistern, die bereit sind, Grenzen zu überschreiten, Trennungslinien in Frage zu stellen - egal auf welchem Gebiet. So kann Hassell auf ein mehrjähriges Studium bei dem indischen Sänger Pandit Pran Nath und bei Karlheinz Stockhausen in Köln verweisen, wie auch auf eine Zusammenarbeit mit den Minimal-Künstlern Terry Riley und La Monte Young. Einige Coverentwürfe von Hassell stammen übrigens von dem deutschen Maler Mati Klarwein, auch so ein künstlerischer Freigeist.
So entstanden im Laufe der Jahre Kooperationen mit Musikern wie David Sylvian, Peter Gabriel, den Talking Heads, Ry Cooder, oder ein Projekt um den Norweger Jon Balke, in dem zeitgenössische Kammermusik, Jazz und ein Barockorchester beeindruckend nach gemeinsamen Klangmöglichkeiten forschen. Sie alle schätzen und verehren Hassell, seine Eigenwilligkeit und seine Kompromisslosigkeit, sein ästhetisches Gespür und die Sinnlichkeit seiner Musik.
Hassell hat von Beginn an seiner musikalischen Laufbahn einen sehr eigenwilligen gedämpften Trompetenton entwickelt, der nichts mit dem glänzend schrillen Sound der großen Virtuosen des Jazz verbindet („Im Prinzip spiele ich das Mundstück und nicht die Trompete. Ich blase wie in ein Schneckenhaus – es ist der grundlegendste und primitivste Aspekt dessen, was ich mache.“, sagte er in einem Interview). Trotzdem gehören Dizzy Gillespie oder Louis Armstrong zu seinen großen Favoriten, sind es diese Instrumentalisten, die sein Interesse an Musik ganz allgemein erst gefördert haben. Kann man sich also Jon Hassell und den Jazz-Hit Caravan, diesem Schlachtross unter den Jazzstandards von Juan Tizol und Duke Ellington, vorstellen? Kann man – denn es gibt diese Aufnahme, eingespielt auf dem Album „Fascinoma“. Und natürlich wird aus diesem Evergreen eine Jon Hassell-Nummer – weltentrückt, hingebungsvoll und atemberaubend schön.
Jörg Konrad

Jon Hassell needs your help. 


Discography Jon Hassell:

Vernal Equinox (1977)
Earthquake Island (1978)
Fourth World, Vol. 1: Possible Musics (1980) (with Brian Eno)
Dream Theory in Malaya: Fourth World Volume Two (1981)
Aka/Darbari/Java: Magic Realism (1983)
Power Spot (1986)
The Surgeon of the Nightsky Restores Dead Things by the Power of Sound (1987)
Flash of the Spirit (1988) (with Farafina)
City: Works of Fiction (1990)
Dressing for Pleasure (1994) (with Bluescreen)
Sulla Strada (1995) (with I Magazzini)
The Vertical Collection (1997) (with Peter Freeman, as Bluescreen Project)
Fascinoma (1999)
Hollow Bamboo (2000) (with Ry Cooder and Ronu Majumdar)
Magic Realism, Vol. 2: Maarifa Street (2005)
Last Night the Moon Came Dropping Its Clothes in the Street (2009)
Listening to Pictures (2018)
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Montag 04.05.2020
Bruno Ganz & Kirill Gerstein „Enoch Aden“
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Es ist die Geschichte von Enoch, Philipp und Annie, die schon als Kinder eng befreundet waren. Enoch und Philipp freien als Jugendliche um Annie, die sich letztendlich für Enoch entscheidet. Beide leben einige Jahre glücklich miteinander, bekommen drei Kinder, bis das entbehrungsreiche Leben Enoch als Handelsschiffer hinaus auf die See treibt.
Sein Schiff sinkt, er vegetiert, als einziger Überlebender, auf einer Insel und kehrt nach zehn langen Jahren durch Zufall wieder zurück in das kleine Seestädtchen.
Hier hat Annie, vom Tod ihres Mannes überzeugt, mittlerweile Philipp geheiratet. Enoch sieht die beiden glücklich miteinander, lebt ein Jahr in ihrer Nähe ohne erkannt zu werden und stirbt letztendlich an gebrochenem Herzen.
Alfred Lord Tennyson hat diese Ballade 1864 geschrieben, die gleich nach Veröffentlichung für großes Aufsehen sorgte. Richard Strauss nahm sich diesem Text einige Jahre später an und komponierte ein Melodram für Sprecher und Klavier, das in der deutschen Übersetzung von Adolf Strodtmann 1897 uraufgeführt wurde. Es entstand auf der Grundlage des Stückes auch eine gleichnamige Oper, sowie mehrere Stummfilme. Trotzdem geriet Enoch Arden im fortschreitenden 20. Jahrhundert langsam aber sicher in Vergessenheit.
Vor einigen Jahren entdeckte der amerikanische Pianist russischer Herkunft Kirill Gerstein das Stück neu und konnte den großen Schweizer Charakterdarsteller und Träger des Iffland-Ringes Bruno Ganz für eine Neuinterpretation gewinnen. Beide gingen mit diesem Stück auf Tournee, die überaus erfolgreich verlief und beim Publikum immer wieder die Frage aufkommen ließ, ob es von diesem unvergesslichen Erlebnis denn keine Einspielung geben könnte.
Im Februar dieses Jahres ist nun „Enoch Arden“ mit Bruno Ganz & Kirill Gerstein als CD erschienen, eingespielt im August/September 2016, aufgenommen in den Traumton Studios Berlin.
Musikalisch fällt dieses Melodram durch seine Sparsamkeit und Reduktion auf. Strauss hat es wohltuend vermieden, mit pianistischen Kabinettstücken vom Text abzulenken. Er ordnet die Klavierbegleitung dem Text unter. Die Musik bekommt somit etwas zurückhaltend Dienendes, was aber nicht bedeutet, dass deren Wirkung gering ist. Im Gegenteil. Bei entsprechender hingebender Interpretation sind die Situationen und Handlungen, die Gefühle und die Dramatik des Textinhaltes phänomenal zu spüren. Kirill Gerstein gelingt es, dem Gelesenen ein musikalisch emotionales Gerüst zu geben, empfindsam die Natur als Schauspiel pianistisch zu beschreiben, bis hin zum endgültigen Schmerz, den der Tod auslöst.
Bruno Ganz trifft mit seiner nuancierten und wunderbar temperierten Stimme sofort den richtigen Ton. Er nimmt dem manchmal ein wenig geschraubt wirkenden Text jeden Hauch einer Verspanntheit. Sein ausdifferenzierter Duktus passt sich Handlung und Dramaturgie an, machte die Emotionen hinter den Sätzen erleb- und deutlich spürbar. Die stillen Momente des Glücks und der Ermunterung ebenso, wie die des Zweifels und die der Tragik. Er deklamiert mit fast körperlicher Hingabe, tauchte ein in die leiseste Hoffnung und hinab in den größten seelischen Schmerz. Er spielt in seiner Rezitation mit dem Text, machte sich ihm Untertan und gibt ihm diese schicksalhafte Bedeutung. Mit dieser Aufnahme wird noch einmal deutlich, welche Einmaligkeit mit dem Namen Bruno Ganz verbunden ist und welch große künstlerische Persönlichkeit vor einem Jahr für immer gegangen ist.
Jörg Konrad

Bruno Ganz & Kirill Gerstein
„Enoch Aden“
Myrios Classics
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Autor: Siehe Artikel
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