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7. Runge & Ammon „Revolutionary Icons“
8. Bill Evans „On A Friday Evening“
9. Dexter Gordon „Swiss Radio Days Jazz Series – Willisau 1978“
10. Cedric Burnside „I Be Trying“
11. Delving „Hirschbrunnen“
12. Sitkovetsky Trio „Ravel & Saint-Saëns Piano Trios“
Montag 16.08.2021
Runge & Ammon „Revolutionary Icons“
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Revolutionäres in der Musik gab es immer – und wird es auch immer geben. Denn erst durch das Aufbrechen von Gewohntem, egal ob kompositorischer Natur oder in der Improvisation, ob es die Hörgewohnheiten betrifft oder den gesellschaftlichen Konsens, entstehen neue Ausdrucksformen, die das existierende Klangspektrum erweitern und bisher ungehörtes und damit revolutionäres präsentieren.
Eckart Runge (Cello) und Jacques Ammon (Klavier) widmen sich auf ihrem neuen Album „Revolutionary Icons“ genau diesen Erneuerern der Musik, bringen sie, trotz der Jahrhunderte, die zwischen ihren Schaffenszeiten liegen, in Beziehung zueinander und loten dabei aus, inwiefern man Musik verschiedener Epochen, unterschiedlicher gesellschaftlicher Entwicklungen und musikalischer Herangehensweisen harmonisierend vereinen kann.
Natürlich bietet sich als Vertreter der europäischen Klassik hier Ludwig van Beethoven ganz besonders an. Er hat mit seinen Werken und seiner Entschlossenheit zu Lebzeiten provoziert, ist neue musikalische Wege gegangen, hat mit seiner künstlerischer Arbeit auch politisch wirken wollen. Insofern kann man Beethoven, der als ein Vertreter der Wiener Klassik und Wegbereiter der Romantik gilt, auch als einen herausfordernden Grenzgänger zwischen künstlerischen Welten bezeichnen.
Runge & Ammon verbinden nun die Klangästhetik Beethovens (Cello Sonate Nr. 4 und Arrangements von Klaviersonaten und Streichquartetten) mit den Ansätzen rudimentärer Popkultur im ausgehenden 20. Jahrhundert. Als Vorlagen nutzen sie hierfür musikalische Unruhestifter wie Jimi Hendrix, Frank Zappa, Stevie Wonder oder Amy Winehouse. Ein breiter Spagat, der ihnen auch deshalb so bravourös gelingt, weil es sich bei einem Teil der Popsongs um Stücke mit einem gewissen Klassikerstatus handelt. Hier spielt der Wiedererkennungswert in der Auseinandersetzung eine entscheidende Rolle. Vor allem beeindruckt das Nebeneinander von Präzision und Archaik, von kammermusikalischem Gestus und minimalistischer Melodienseligkeit. Doch nichts wirkt trivial, nichts macht den Anschein, als würde etwas miteinander in Verbindung gebracht, das im Grunde so nicht zusammengehört. Der große Gewinner dieser Crossover-Produktion ist letztendlich die Musik selbst. Ästhetisch stimmig, provokant, intensiv und doch auch sinnlich. Musik als ein spielerischer Dialog durch die Jahrhunderte.
Jörg Konrad

Runge & Ammon
„Revolutionary Icons“
Berlin Classics
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Dienstag 10.08.2021
Bill Evans „On A Friday Evening“
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Posthume Veröffentlichungen kann man im Pop- & Rockbereich größtenteils als „Leichenfledderei“ bezeichnen. Denn um eine „Auswahl letzter Hand“ handelt es sich nur selten. Meistens stecken hinter diesen Strategien ganz simple finanzielle Interessen - vom Produzenten, den Plattenfirmen, der breit aufgestellten Erbengemeinschaft. Um innovatives, künstlerisch bedeutendes handelt es sich in den wenigsten Fällen. Das ist bei bei Prince der Fall (dessen „neues“ Album „Welcome 2 America“ gerade auf dem Markt erschien), bei David Bowie ebenso, wie auch bei Amy Winehouse oder Jimi Hendrix. Bei jeder dieser Erwähnungen muss, trotz manch vollmundigem Versprechen, weder die Biographie des Künstlers, erst recht nicht die Historie der populären Musik neugeschrieben werden.
Etwas anders verhält es sich hingegen im Jazz. Hier bestimmen nur selten bis ins kleinste abgestimmte Dramaturgien, die manchmal schon an opulente Operettenproduktionen erinnern, das musikalische Geschehen. Der Jazz ist gekennzeichnet von Improvisationen und damit Spontanität. Einspielungen, zu verschiedenen Zeitpunkten mitgeschnitten, sind Momentaufnahmen. Geprägt von unterschiedlichen äußeren wie persönlichen Einflüssen, die eine Improvisation und damit die Musik insgesamt, völlig verschieden klingen lassen. Anders ausgedrückt: Der schöpferische, unmittelbare Moment einer (vor allem Live-) Produktion gehört zu dem Zeitpunkt, in dem er wahrgenommen wird, schon wieder der Vergangenheit an. Insofern bekommen Aufnahmedaten von Tonaufzeichnungen eine ganz besondere Rolle, weil sie die Subjektivität des Musikers im Augenblick der Entstehung eines Stückes oder einer Improvisation widerspiegeln. Gleichzeit wird eine solche Spontanproduktion mit deren Aufzeichnung ganz nebenbei, aber voll bewusst, dem Vergessen „entrissen“.
Bill Evans gehört zu den musikalischen Ästheten am Klavier. Ein Feingeist, der sich der Romantik in der Musik ebenso verpflichtet fühlte, wie der modalen Spielweise. Er sei ein „leiser Revolutionär“, der Sensibilität und Abgeklärtheit in seinem impressionistisch nuancierten Spiel unterzubringen verstand. Ein hypersensibler Geist, der vor allem die Schicksalsschläge seines Lebens in seiner Musik verarbeitete und diese stets hörbar werden ließ.
Bevor der 1929 geborene Pianist mit seinen eigenen Formationen (zum Großteil in Triobesetzungen) und dem raffinierten Solospiel nicht nur die Jazzwelt nachhaltig beeinflusste, war er Teil bedeutender Bands und klassischer Einspielungen im Jazz. Allen voran wichtiger Teil der Aufnahmesession für das Album „Kind Of Blues“ von Miles Davis, dem vielleicht wichtigsten Album der Jazzhistorie. Evans beherrschte hier, wie auch sein damaliger Mentor Davis, die Kunst, alles Überflüssige im Spiel wegzulassen, sich weniger auf eine perlende Technik zu konzentrieren, wie es damals im Jazz üblich war, sondern stärker das Emotionale und Lyrische einer Kompositionen herauszuarbeiten.
Dies sollte in den folgenden Jahren, bis zu seinem Tod mit nur 51 Jahren 1980, seinen Stil charakterisieren. Er nahm ungezählte Alben auf und bis heute werden immer wieder Aufnahmen veröffentlicht, die, wie es Michael Naura einmal sagte, die Demokratisierung in das Klaviertrio eingeführt haben.
Mit „On A Friday Evening“ ist jetzt wieder eine Produktion mit bislang unveröffentlichtem Material des Trios um Eddie Gómez am Bass und Eliot Zigmund am Schlagzeug erschienen. Eingespielt am 20. Juni 1975 im Oil Can Harry's in Vancouver, BC lagen die Bänder über ein halbes Jahrhundert im Archiv. Sie zeigen keine neue Seite von Bill Evans, aber sie „entreißen“ diese Aufnahme dem Vergessen, machen einen Pianisten erneut akustisch hörbar, von dem sich nach ihm so viele andere Klavierspieler im Jazz haben leiten lassen: Keith Jarrett, Brad Mehldau, Chick Corea, Enrico Pieranunzi, Michel Petrucciani und viele andere.
Neun Kompositionen beinhaltet diese Album, aus denen die Miles Davis Komposition „Nardis“ besonders heraussticht (M. Davis soll übrigens mehrfach geäußert haben, dieses Stück stamme von Bill Evans, obwohl dieser es immer als eine Davis-Nummer herausstellte).
Bill Evans hat diese Vorlage in seiner Karriere ungezählte Male interpretiert und dabei immer wieder neue Facetten improvisatorisch herausgearbeitet. In der vorliegenden Fassung gelingt ihm der Spagat, die Balance zwischen einer gewissen, für ihn typischen Introvertiertheit auf der Basis einer rhythmisch treibenden Kraft, die dem Stück einen neuen Horizont erschließt. Ein Meisterwerk – gefühlvoll, klar, elegant, schmerzvoll schön.
Jörg Konrad

Bill Evans
„On A Friday Evening“
Concord
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Mittwoch 04.08.2021
Dexter Gordon „Swiss Radio Days Jazz Series – Willisau 1978“
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Dexter Gordon ist einer jener prominenten Beispiele von Jazzmusikern, die aufgrund fehlender gesellschaftlicher Anerkennung in seiner Heimat für lange Zeit die USA verlassen haben. Der 1923 in Los Angeles geborene Musiker kam von einer transatlantischen Konzerttournee 1962 nicht zurück. Er blieb in Dänemark. Hier, im Nachkriegseuropa, gab es nicht jene starken politischen und sozialen Verwerfungen wie in den USA. Zudem wurde der Jazz als eigenständige Kunstgattung öffentlich anerkannt und deren Protagonisten vom Publikum leidenschaftlich verehrt.
Gordon, der fast zwei Meter große Tenorsaxophonist, war damals auf dem Höhepunkt seines Könnens, kämpfte aber zugleich mit immensen Drogenproblemen. Er setzte von Kopenhagen aus seine Karriere fort, nahm hier etliche großartige Alben für das Steeplechase Label auf und kehrte erst 1976 in die USA zurück. In New York feierte man den heimkehrenden Sohn als „ … das Jazz-Ereignis des Jahres …. “ (Down Beat). Er bekam endlich einen gut dotierten Vertrag beim Labelriesen Columbia und spielte zu Beginn der 1980er Jahre im wohl begnadetsten Jazz-Film aller Zeiten, dem von Bertrand Tavernier gedrehten „Round Midnight“ die Hauptrolle.
1978 kam Gordon, der musikalisch auch immer als wichtiges Bindeglied zwischen Bebop und Hardbop galt, mit seinem amerikanischen Quartett nach Europa und gab im schweizerischen Willisau ein begeisterndes Konzert, das jetzt auf dem schweizer TCB-Label veröffentlicht wurde. „Long Tall Dexter“, wie der Tenorist auch genannt wurde, ist in Hochform. Ein begnadeter Techniker, der instrumentale Geschichten zu erzählen versteht, die dramaturgisch stimmig sind und emotional stark berühren. Und vor allem, die immer nach Dexter Gordon klingen. Und das bedeutet klare, robuste Linien, elegante Phrasierungen, harmonische Substanz, geschmeidige Wendungen und eine nicht enden wollende Ideenflut in den einzelnen Chorussen. Dinge, die besonders in den Balladen zur Geltung kamen.
Gordon scheint sich zu dieser Zeit pudelwohl gefühlt zu haben, was mit Sicherheit auch an der Band liegt, die ihn auf der kurzen Tour begleitete. Es war, man glaubt es kaum, aber seine erste eigene Combo, mit der er spielte und die insgesamt zwei Jahre halten sollte (George Cables am Klavier, Rufus Reid am Bass, Eddie Gladden am Schlagzeug). Michael Cuscuna, Jazzproduzent und Autor, sprach in diesem Zusammenhang einmal von „ … einem der am großartigsten klingenden Quartette der Jazzgeschichte ….“. „Swiss Radio Days Jazz Series – Willisau 1978“ ist bestes Beispiel für einen besessenen Vollblutmusiker, der zu Bertrand Tavernier während der Dreharbeiten einmal sagte: „In manchen Nächten hab ich gearbeitet, gespielt, und dann ist die Nacht vorbei, ich schau mein Mundstück an, und es ist voller Blut, und ich hab nichts davon gemerkt. Mein Leben ist die Musik, meine Liebe ist die Musik. Und das 24 Stunden am Tag. Verstehen Sie das?“
Jörg Konrad

Dexter Gordon
„Swiss Radio Days Jazz Series – Willisau 1978“
TCB
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Freitag 23.07.2021
Cedric Burnside „I Be Trying“
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Robert Lee Burnside, 1926 geboren und mit Muddy Waters verwandt, wurde erst relativ spät zu dem, was ihn bis heute auszeichnet: Eine der großen Ikonen des Mississippi-Delta-Blues. Mit 40 Jahren erst erhielt er seinen ersten Plattenvertrag. Zuvor war er Fabrikarbeiter, ging nach Chicago, lernte hier Chuck Berry kennen und kam ins Gefängnis, weil er einen Mann beim Würfeln angeschossen hatte. Später tourte er mit den Beasty Boys und erneuerte, so ganz nebenbei, den Blues, in dem er ihm eigentlich seine Authentizität zurückgab.
Sein damals dreizehnjähriger Enkel, Cedric Burnside, begleitete ihn am Schlagzeug. Dieser wiederum hat jetzt mit „I Be Trying“ sein mittlerweile neuntes eigenes Album veröffentlicht. Eine Sammlung von hochkarätigen Songs, die Burnside, der sich neben den dumpf pulsierendem Schlagzeug auch für die knappen archaische Riffs der Stratocaster verantwortlich zeichnet, als einen großartigen Dramaturgen und Ökonomen in Sachen Musik ausweisen. Und singen konnte der hochgewachsene Delta-Blues-Handwerker sowieso schon immer (manchmal so geschmeidig und im Falsett, dass man für Momente glauben könnte, hier handele es sich um ein posthumes Prince-Album). Doch letztlich sind die Gitarrenlicks zu schroff, zu scharf, zu leidenschaftlich, wie eine Machete, die sich und ihrem Träger den Weg durch die unzugänglichen Mississippi-Auen bahnt. „Mein Sound kommt geradewegs aus Afrika“, erzählte Burnside nach einem Interview mit Jonathan Fischer. „Ich fühle das in meinen Knochen, in meiner Seele“.
Das zeigt: Neben all den sich im Blues-Buiseness mittlerweile komfortabel eingerichteten 12-taktigen-Plagiatsjägern gibt es sie noch. Die authentischen, rauen und rohen Blues-Epigonen. Jene ungeschliffenen Diamanten, die nicht nur nicht verlernt haben, woher der Blues kommt und welche tragischen Lebensgeschichten in ihm stecken. Sondern die selbst genügend Erfahrenes in ihre Songs einbauen können, die von ihrer inneren Überzeugung, der Blues sei ihr einziges Ausdrucksmittel, leben. So zimmern sie melancholische wie auch kraftvolle Songs, die sofort unter die Haut gehen, die ein Gefühl von Stolz und Menschlichkeit ausstrahlen. Dabei muss nicht jeder Song zu einhundert Prozent der Bluestheorie entsprechen. Viel Soul liegt bei Burnsides „I Be Trying“ in der Luft, Rock'n Roll und natürlich der Wüstenblues Westafrikas, aus Mali. Überhaupt gibt es einige ernstzunehmende Musikwissenschaftler, die meinen, der Blues stamme von der pentatonischen Musik Malis ab.
Burnside nimmt in seiner Musik jedoch nicht nur Einflüsse auf. Er ist momentan eine der stärksten Impulsgeber, für Ausnahmetalente wie Jon Spencer, Dan Auerbach von den Black Keys oder der göttliche Jack White. Unter diesem Aspekt braucht einem um die Zukunft der Musik nicht bange werden.
Jörg Konrad
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Montag 12.07.2021
Delving „Hirschbrunnen“
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Hätten die beiden letzten Alben von Steven Wilson nicht auch wie das vorliegende „Hirschbrunnen“ klingen können? Schön wäre es ja! Wilsons Musik, das sei an dieser Stelle wenigstens kurz vermerkt, wirkt, zumindest in den zurückliegenden beiden Jahren, etwas müde und farblos. Bei seinem Arbeitspensum scheinen irgendwann fast zwangsläufig die Inspirationen aufgebraucht.
Aber wer ist nun Delving? Und wo steht der „Hirschbrunnen“? Bei Ersterem handelt es sich um Nick DiSalvo, dem Frontmann der amerikanischen Psychedelic Band Elder. Seit einigen Jahren lebt DiSalvo in Berlin Schöneberg, ganz in der Nähe des Rudolph-Wilde-Park, in dem sich auch der 1912 entstandene und von Platanen etwas verdeckt angelegte Hirschbrunnen befindet. Insofern ist dieses Album, entstanden in der gezwungener Maßen tourfreien Zeit 2020, eine Reminiszenz an seine heutige Wahlheimat.
DiSalvo hatte Zeit und spielte das gesamte Album fast im Alleingang ein. Dabei verarbeitete er all jene Ideen, Herausforderungen und Strukturen, die er in seiner Hausband so bisher nicht zum Ausdruck bringen konnte. Er formt Ambient und Minimal, Jazzharmonien und Hardrock, elektrische Gitarrenexkursionen und akustische Klavierfragmente zu einem sowohl anspruchsvollen, dabei aber wunderbar klingenden Instrumentalalbum. Hier sind imense Prog-Rock-Traditionen zu spüren. Jede Menge raffinierte Tempowechsel und erfrischende Klangfarben wechseln sich ab. DiSalvo klingt mal heiter verspielt, um dann wieder mit wirkungsvollen Heavy-Riffs die Titel massiv zu erden.
Die Komplexität der Musik kommt einer Reise durch zwar bekannte, aber sich immer wieder verändernde Landschaften nahe. „Hirschbrunnen“ atmet den Geist kreativer Herausforderung und hinterlässt eindringliche Klangbilder, die man immer wieder abrufen möchte. Auf der 5-sternigen Wertungsskale bekommt das Album die volle Punktzahl. Man kann nur hoffen, dass DiSalvo einige der hier gemachten Erfahrungen entweder in seine Arbeit der Band Elder mit einfließen lässt – oder uns in absehbarer Zeit mit einem neuen Soloalbum beglückt.
Jörg Konrad

Delving
„Hirschbrunnen“
Stickmann Records

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Samstag 03.07.2021
Sitkovetsky Trio „Ravel & Saint-Saëns Piano Trios“
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Foto: Vincy Ng
„Seit vorgestern diese Sturmglocke, diese weinenden Frauen und vor allem der grauenhafte Enthusiasmus der jungen Leute… Sie glauben, ich arbeite nicht mehr? Ich habe nie so viel mit einer verrückteren und heroischeren Wut gearbeitet.“ So schrieb Maurice Ravel in einem Brief kurz nach dem Beginn des 1. Weltkrieges. Er hatte einige Monate zuvor mit der Arbeit am Klaviertrio a-Moll begonnen. Einige Tage später, im August 1914, schloss er die Arbeit daran ab.
Im Grunde mochte Ravel das Miteinander von Klavier- und Streicherklang nicht vorbehaltlos. So wundert es nicht, dass dieses Stück auch seine einzige Komposition in dieser Gattung blieb und wäre zudem ohne das ihn inspirierende Trio Nr. 1 op. 18 von Camille Saint-Saëns wohl so auch nicht entstanden.
Emotionale Spuren hat der Beginn des Weltenbrandes in diesem Werk jedoch nicht unbedingt hinterlassen. Die Stimmung wechselt zwischen melancholisch (Modéré) und luftig beschwingt (Pantoum), lebt von nachdenklichen, träumerischen Sequenzen (Passacaille) und sich beinahe orchestral überlagernden Rhythmen (Final). Das seit 2007 miteinander musizierende Sitkovetsky Trio, mit Alexander Sitkovetsky (Violine), Isang Enders (Cello) und Wu Quian (Klavier), gibt der Komposition sowohl die nötige Geschlossenheit, was die Strenge der Vorlage betrifft, als auch eine luftige Offenheit, in der Interpretation. Das Trio hält eine dynamische Balance, die sowohl der polyphonen Struktur der Komposition gerecht wird, als auch dem silbrigen Charakter, dem die Instrumentalisten mit spürbarer Sensibilität begegnen. Die Stimmungswechsel leben von einer ansteckenden Leidenschaft, die das Ergebnis von spieltechnischer Perfektion, Virtuosität und beseelter Sinnlichkeit sind.
Das Klavier Trio Nr. 2 von Camille Saint-Saëns (1835-1921) gehört zu dessen späteren Werken und wurde von dem französischen Pianisten und Komponisten rund 28 Jahre nach seinem ersten Klaviertrio geschrieben. Es ist ein komplexes Stück, das auch die damalige Stellung des vielseitig gebildeten aber ein wenig zurückgezogen agierenden Saint-Saëns im europäischen Musikbetrieb zum Ausdruck bringt. Er war ein den damaligen Moden weniger aufgeschlossener Künstler, der sich zu Mozart und Beethoven weit mehr hingezogen fühlte, als zum damals angesagten Richard Wagner. Es ist insgesamt ernst und anspruchsvoll, an manchen Stellen eher nachdenklich als melancholisch. Das mag an den persönlichen Schicksalsschlägen liegen, die Saint-Saëns zuvor erlebt hatte.
Die fünfsätzige Komposition verlangt von den Ausführenden ein Höchstmaß an Konzentration, Musikalität, an individueller Perfektion als auch am konsequenten Miteinander. All diese Ansprüche erfüllt das Sitkovetsky Trio auf beeindruckende Weise. Seine interpretatorische Kreativität setzt Maßstäbe und bringt die Fähigkeiten dieser musikalischen Gemeinschaft souverän zum Ausdruck. Es läßt dramaturgische Spannungsbögen entstehen, reizt diese aus und löst sie mit Bestimmtheit und entschlossen – vor allem im Allegro des letzten Satzes. Diese Musik vereint Scharfsinn und Emotionalität, Ruhe und Bewegung und erklimmt spielerisch kammermusikalische Gipfel.
Gerhard von Keußler

Sitkovetsky Trio
„Ravel & Saint-Saëns Piano Trios“
BIS
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Autor: Siehe Artikel
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