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1. Lucy Fricke „Die Diplomatin“
2. Robert Cremer „Die Geheimsprache des Blues“
3. Lea Ypi „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“
4. James Ellroy „Allgemeine Panik“
5. Katerina Poladjan "Zukunftsmusik"
6. Alexander Kluge „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
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Montag 12.09.2022
Lucy Fricke „Die Diplomatin“
Es ist nicht erstaunlich, dass sich die Autorin Lucy Fricke in der Türkei nicht mehr willkommen fühlt und dass sie so bald nicht mehr nach Istanbul reisen will, wie sie in einem Interview erzählt. Denn in ihrem neuen Roman „Die Diplomatin“ übt sie unverblümte Kritik an dem türkischen Präsidenten und seinem Regime.
Lucy Fricke hat viele Monate als Stipendiatin der deutschen Kulturakademie in Istanbul gelebt, direkt neben Erdogans Sommerpalast, in einer Atmosphäre ständiger Überwachung. Für ihren Roman hat sie zahlreiche Interviews und lange Gespräche geführt und sich intensiv mit den Verhältnissen in der Türkei und mit dem diplomatischen Betrieb befasst.
Ihr Buch ist aus Sicht einer deutschen Diplomatin geschrieben, einer ehrgeizigen Frau um die 50, die sich in einer weitgehend von Männern dominierten Berufswelt behauptet. Fred, wie sie von ihren Freunden genannt wird, musste für ihre Karriere auf weit mehr verzichten als ihre männlichen Kollegen, die meist von ihren Ehefrauen begleitet werden. In einem Beruf, in dem man alle paar Jahre in einem anderen Land eingesetzt wird, ist es für eine Frau fast unmöglich, eine Familie zu gründen oder eine feste Partnerschaft einzugehen. Der Preis für Freds steilen Aufstieg zu einer Repräsentantin ihres Landes ist Einsamkeit.
Lucy Fricke schickt ihre Protagonistin zunächst auf einen ruhigen Posten in Montevideo. „Ich stehe da rum und bin nur Deutschland.“ Doch als die Tochter einer einflussreichen deutschen Zeitungsmagnatin in Uruguay entführt wird und Fred sich an ihrem Tod mitschuldig fühlt, ist sie erschüttert und verunsichert.
Von einem befreundeten Kollegen hatte sie gelernt, dass die wichtigste Eigenschaft eines Diplomaten ist, geduldig zu sein, sich nicht zu sehr einzumischen und die Dinge nicht zu sehr an sich heranzulassen. Aber als sie nach den dramatischen Ereignissen in Uruguay in die Türkei versetzt wird, ist sie eine Andere geworden. In Istanbul verliert Fred ihre Geduld.
Zunächst ist sie überwältigt von der „herzerschütternden Schönheit“ Istanbuls. Bald aber wird sie konfrontiert mit einer langen Liste von Namen türkischer Politiker, Künstler und Künstlerinnen, Journalistinnen und Journalisten, die hinter Gefängnismauern verschwunden sind.
Lucy Fricke verdeutlicht das autoritäre System Erdogans an drei fiktiven Figuren, die sich an realen Fällen orientieren: Ein Berliner Student kurdischer Abstammung, der noch nie in der Türkei war, wird bei der Einreise verhaftet, als er seine Mutter in einem Istanbuler Frauengefängnis besuchen will. Der Vorwurf an ihn lautet: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.
Seiner Mutter, einer deutsch-kurdischen Kunsthistorikerin und Kuratorin von Ausstellungen, wird Terrorpropaganda vorgeworfen. Und da ist noch ein deutscher Journalist, mit dem Fred eine Affäre beginnt. Er hat über den türkischen Geheimdienst und seine Verflechtungen mit der BRD recherchiert. Auch ihm droht Gefängnis wegen Hochverrats.
Zunehmend verzweifelt versucht Fred, den Dreien zu helfen und sie vor dem Zugriff der Staatsgewalt zu schützen. Dabei erlebt sie die Aussichtslosigkeit diplomatischer Bemühungen in einem Land, das sich zwar einen demokratischen Rechtsstaat nennt, in dem aber nackte Willkür herrscht. In einem Land, in dem es keine Meinungsfreiheit und keine Gewaltenteilung gibt. In dem unliebsame Menschen ohne ordentliche Gerichtsverfahren in Gefängnissen gefoltert und gebrochen werden, in dem keine unabhängige Justiz existiert, in dem die Richter korrupt sind oder durch Drohungen gefügig gemacht werden. Da bleibt den Diplomaten eigentlich nur müde Resignation oder die Flucht auf den Tennisplatz. Auch von der Bundesregierung erfahren sie wenig Unterstützung. Die deutsch-türkischen Beziehungen sollen nicht zu sehr belastet werden, denn die Türkei wird gebraucht, um die EU-Außengrenzen zu schützen.
Doch während ihre Kollegen auf die nahe Rente warten, wird Fred wütend. Ihr Vorbild ist eine junge türkische Opferanwältin, die sich nicht entmutigen lässt. Der spannende Roman mündet in einen fulminanten Schluss. In ihrem dringenden Wunsch, Menschen zu retten, übertritt Fred die Grenzen der Legalität.
Die Kunst der Schriftstellerin Lucy Fricke liegt in ihrer präzisen Sprache, den pointierten Dialogen, ihrem trockenen, manchmal auch bitteren Humor. Sie hat in einer Zeit, in der die Demokratie überall in Gefahr gerät, ein hochaktuelles Buch geschrieben. Darin erzählt sie von einem Land am Rande Europas, das immer mehr zu einer Diktatur wird. Und sie beschreibt die Entwicklung einer Karrieristin zu einer engagierten Frau, die sich mit ihrem engen Handlungsspielraum als Diplomatin nicht mehr abfinden will.
Lilly Munzinger, Gauting

Lucy Fricke
„Die Diplomatin“
Claassen
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Mittwoch 07.09.2022
Robert Cremer „Die Geheimsprache des Blues“
Dieses Buch dürfte ein literarisches Fest für all jene sein, die dem Leitstern des Blues folgen. Aber auch für die Leser, die den Blues in seiner ganzen Schönheit und Bedeutung sich erst noch erschließen müssen ist „Die Geheimsprache des Blues“ ein enormer Gewinn. Auf knapp 850(!) Seiten beschäftigt sich Robert Cremer intensiv mit dieser ältesten Variante zeitgenössischer populärer Musik. Denn der Blues ist die Grundlage all dessen, was unter Jazz und Rock'n Roll, Gospel und Soul, Pop und Hip Hop bis heute gespielt wird. Ohne den Blues – ja, klänge die Gegenwart völlig anders.
Cremer fokussiert seine Auseinandersetzung mit dieser im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Südstaaten der USA entstandenen Musikform speziell auf deren Texte. „Die Sprache des Blues ist bemerkenswert anspruchsvoll, wenn man bedenkt, dass die Texte von Musikern verfasst wurden, die nie eine Schule besucht haben“, schreibt Bobby Rush, fast 90jähriger Multiinstrumentalist, Sänger und Komponist des Blues, in einem Vorwort. Dann folgen zwölf Kapitel, in denen Cremer die Hintergründe und Anliegen der Texte von namenlosen Protagonisten des Blues und späteren Superstars beschreibt. Unter Überschriften wie „Wenn ich kein Unglück hätte, hätte ich überhaupt kein Glück“, „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ oder „Schwarzer Humor mit Schwarzem Gesicht“ pflügt der Autor die textlichen Wurzeln des Blues ans Tageslicht. Er zeigt auf, dass sich die Musiker bei den Interpretationen der Lieder nicht unbedingt an die Originaltexte gehalten haben und halten, sondern momentane Stimmungen und Befindlichkeiten inhaltlich spontan einbauen. Dabei geht es um Armut, Unglück, Trauer, Sexualität, die kurzen Momente des Glücks und die großen wie die kleinen Visionen im Leben.
Doch die Musiker des Blues haben ihre ganz individuelle Art, die Lebensinhalte und Emotionen auszudrücken. Hier spielen grammatikalische Varianten eine entscheidende Rolle, die umgangssprachliche Ausdrucksweisen (Slang) sind maßgeblich und natürlich das historische Verständnis, die soziokulturellen Entwicklungen von der Verschleppung der Afrikaner nach Amerika bis hin zu ihrem heutigen Status in der amerikanischen Gesellschaft.
Cremer hat für „Die Geheimsprache des Blues“ etliche Texte ausgewertet, von denen ein Großteil im Buch nachzulesen sind. Zudem beinhaltet der Band vierzehn Seiten einer ausgewählten Diskographie des Blues, die das wichtigste selbst zum Ausdruck bringt: Die Musik!
Robert „Bob“ Cremer ist ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Blues. Er lebte Jahrzehnte in Chicago und wuchs regelrecht in den Bluesclubs der Stadt auf. Dort erlebte er all die Großen (und namenlosen) des Blues, pflegte persönliche Kontakte zu ihnen und beschäftigte sich intensiv mit ihrer Kunst. Später ging er als Journalist nach China und berichtete von dort über Mao und die dortige Kulturrevolution. Immer mit im Handgepäck: Bluesplatten. Zurück in die USA entwickelte er das erste von einer Universität produzierte Kabelfernsehen. Außerdem leitete er einen Radiosender.
1992 kam er nach Deutschland, arbeitete bei Siemens und an der Universität Bayreuth. Heute lebt Robert Cremer in Bamberg.
Jörg Konrad

Robert Cremer
„Die Geheimsprache des Blues“
Edition Olms
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Mittwoch 17.08.2022
Lea Ypi „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“
Eigentlich wollte Lea Ypi, die heute politische Philosophie an der London School of Economics lehrt, eine theoretische Abhandlung über die unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit schreiben. Doch, wie sie selbst sagt, aus den Ideen wurden Menschen. Und so erzählt sie in „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ in einer glasklaren Sprache, mit Witz und Empathie, von ihrer Kindheit und Jugend im sozialistischen Albanien der 1980er und 90er Jahre. Sie zeigt in ihrem spannend zu lesenden Memoir, wie das politische System ihr eigenes Leben und das ihrer Familie entscheidend geprägt und alle Aspekte des Alltags durchdrungen hat.
Das Buch beginnt mit einer symbolträchtigen Szene: Als zehnjähriges Mädchen, im Jahr 1990, gerät Lea in eine Horde wütender Demonstranten, die „Freiheit“ und „Demokratie“ skandieren. Sie flüchtet sich zum Bronzedenkmal des großen Stalin. Wie sie von ihrer Lehrerin weiß, hat er die ganze Welt inspiriert und Kinder geliebt. Doch als Lea nach oben blickt, erschrickt sie: Stalin hat keinen Kopf mehr. Er wurde ihm von Demonstranten abgeschlagen.
Das kleine Albanien galt vor dem Kollaps des Ostblocks als „weißer Fleck Europas“, weil sich das Land seit dem Zweiten Weltkrieg weitgehend isoliert hatte und von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Enver Hoxha errichtete ein stalinistisches Schreckensregime; politische Säuberungen, Morde, Folter waren an der Tagesordnung.
Doch Lea Ypi wusste als Kind und Heranwachsende von all dem nichts. In ihrem Buch erzählt sie mit leiser Ironie aus der kindlichen Perspektive von ihren unbeschwerten ersten Jahren. Lea ist eine sehr gute Schülerin und eine eifrige Sozialistin. Sie glaubt ihrer Lehrerin nicht nur, dass der Lehrer von Marx „Hangel“ hieß, sondern auch, dass sie in einem der freiesten Länder der Welt lebt, in dem der wahre Sozialismus weitgehend verwirklicht ist, in dem es kaum Gier und Neid gibt, weil alle Menschen gleich sind.
Dennoch spürt Lea, dass sie anders ist als ihre Freundinnen. Ihre Großmutter spricht französisch mit ihr, und als Enver Hoxha im Jahr 1985 stirbt, kann sie nicht verstehen, warum ihre Familie nicht so trauert wie alle anderen. Sie erreicht nicht einmal, dass ihre Eltern ein gerahmtes Bild von Onkel Enver im Wohnzimmer aufstellen.
Lea Ypis Eltern stammen von reichen Großgrundbesitzern, Adeligen und Intellektuellen ab, sozialen Schichten, die in allen sozialistischen Ländern verhasst waren. Leas Urgroßvater Xhafer Ypi war vor Hoxhas Machtergreifung albanischer Ministerpräsident. Sein Sohn, Leas Großvater, musste deshalb 15 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen. Ihre geliebte Großmutter, mit der sie aufwächst, war Nichte eines Paschas im Osmanischen Reich. Viele ihrer Verwandten waren im Kommunismus hingerichtet worden. Auch Leas Eltern leiden unter dem politischen System. Vor allem ihr Vater lebt in ständiger Angst und Sorge, und beide Eltern müssen in ungeliebten Berufen arbeiten.
Doch um sich selbst und ihre Kinder zu schützen, erzählen sie Lea nichts von ihrer Herkunft. Sie lassen sie in dem Glauben, dass sie nur zufällig denselben Nachnamen trägt wie der ehemalige Ministerpräsident und Vaterlandsverräter. Sie haben sogar eine Art Geheimcode entwickelt: wenn sie von einem Freund oder Verwandten erzählen, er besuche die Universität, meinen sie damit, er sitze im Gefängnis. Und wenn jemand von der Universität geflogen ist, soll das heißen, dass sie oder er sich umgebracht hat.
Erst spät, als auch in Albanien der Sozialismus zusammenbricht, erfährt Lea die Wahrheit: sie hat in einer Lüge gelebt. Durch diese Erkenntnis wird – symbolisch -ihrem Idol Stalin brutal der Kopf abgeschlagen. Lea stürzt in eine tiefe Identitätskrise. Und das Land Albanien schlittert in Anarchie und Chaos.
Lea Ypi verharmlost weder den Sozialismus noch den Kapitalismus. Die Hoffnungen vieler Menschen in Albanien auf Freiheit, Demokratie und ein besseres Leben werden nach der Wende enttäuscht. „Das hat man von zu viel Freiheit“ sagt Leas Großmutter, als auch in ihrer Stadt Schleuser, Drogendealer und Zuhälter an Einfluss gewinnen. Strukturreformen, die die Marktwirtschaft ankurbeln sollen, erzeugen ein Heer von Arbeitslosen. Als die Hälfte der albanischen Bevölkerung, darunter auch Leas Familie, all ihre Ersparnisse an unseriöse Schneeballfirmen verliert und das Finanzsystem zusammenbricht, kommt es zum Bürgerkrieg und einer beispiellosen Auswanderungswelle.
Lea Ypis Resümee lautet: Nicht nur der Sozialismus, der den Menschen vorschreibt, was sie zu denken und zu tun haben, ist repressiv. Sondern auch eine Gesellschaft, in der individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit nicht so miteinander vereinbart werden, dass tatsächlich alle Menschen gleiche Entfaltungsmöglichkeiten haben, in der es weiter vererbte Privilegien und bewusstes Ausblenden von Ungerechtigkeit gibt. Freiheit muss vor allem gesellschaftlich verstanden werden.
Lilly Munzinger, Gauting

Lea Ypi
„Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“
Suhrkamp
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Mittwoch 03.08.2022
James Ellroy „Allgemeine Panik“
Wer Krimis mag, muss nicht unbedingt James Ellroy mögen. Und wer um Krimis generell einen weiten Bogen macht, der könnte an dem Amerikaner wiederum große Freude haben. Denn obwohl Ellroy seinen schonungslosen Stoff aus dem kriminellen Milieu filtert, sind seine Bücher - hauptsächlich im Umfeld von Los Angeles der 1950er Jahre angesiedelt - weit mehr als nur die Beschreibung von Verbrechen. Ellroy ist ein Chronist der Zeit, ein Autor, der gesellschaftliche Themen wie nebenbei abhandelt und damit ein (oft erschreckendes) Bild der amerikanischen Gesellschaft entwirft. Romane wie „Die schwarze Dahlie“, „Stadt derTeufel“ (verfilmt als „L.A. Confidentuial“) oder „Die Rothaarige“ (autobiographischer Text) sind auch literarisch auf hohem Niveau angesiedelt und außergewöhnlich komplex.
„Allgemeine Panik“ ist nun Ellroys zweiundzwanzigste Veröffentlichung und wird, wie einige seiner Vorgänger, einem weit zurückliegenden Zitat der Süddeutschen Zeitung absolut gerecht: „Ellroy ist der wohl wahnsinnigste unter den lebenden Dichtern und Triebtätern der amerikanischen Literatur.“
Leider geht diese Einschätzung bei „Allgemeine Panik“ auf Kosten der Handlung, bzw. der Dramaturgie des Textes. Fred Otash, die Hauptfigur des Buches mit klaren Bezügen zu einer realen Figur gleichen Namens, der als Polizist, Privatdetektiv und Autor, sein Geld hauptsächlich mit Intrigen, Korruption, Bestechung, Erpressung und deren Veröffentlichung in Klatschmagazinen verdiente, schmort seit 28 Jahren im Fegefeuer. Übrigens diente diese Gestalt dem Privatdetektiv Jake Gittes in Roman Polanskis Film „Chinatown“ (gespielt von Jack Nicholson) als Vorlage.
In Ellroys Roman soll jener Otash in Form einer Autobiographie Beichte ablegen – um vielleicht doch noch ins Paradies zu gelangen. Und hier beginnt Ellroy aufzuzählen, welche Skandale Otash inszenierte, welche Privatheiten von welchen Berühmtheiten er auf schmierigste und abstoßendste Art und Weise im Boulevardmagazins „Confidential“ veröffentlichte. Brutalität, Sexismus, Rassismus wiederholen sich auf den Seiten stakkatohaft und gipfeln in Otashs Bekenntnis: „Ich war der Höllenhund, vor dem ganz Hollywood kuschte. Ich war der Mann, der um all die kranken Sex-Geheimnisse wusste, auf die ihr irren Irdischen so scharf seid.“
Der Leser wird mit privaten Einzelheiten und erfundenen Verfehlungen und Affären aus dem Leben von Prominenten wie John F. Kennedy, Liz Taylor, Burt Lancaster, Rock Hudson, James Dean, John Wayne, Barbara Stanwyck und vielen vielen anderen konfrontiert. Diese Aneinanderreihung von unappetitlichen und letztendlich schwachen Konstrukten sind auf Dauer etwas eintönig und in ihrer Krudelität beinahe förmlich. Fast verpasst der Leser dann den zweiten Teil des Romans, in dem Ellroy den Fall des 1960 hingerichteten Gewalttäters Caryl Whittier Chessman und seinen kriminellen Machenschaften um den James Dean-Klassiker „Denn sie wissen nicht was sie tun“ beschreibt. Hier läuft Ellroy fast wieder zu gewohnter Größe und Genialität auf und kann einiges des zuvor etwas angeschlagenen literarischen Porzellans wieder kitten.
Jörg Konrad

James Ellroy
„Allgemeine Panik“
Ullstein
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Montag 04.07.2022
Katerina Poladjan "Zukunftsmusik"
Die russische Autorin Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren. Ende der 1970-er Jahre kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie lebt und arbeitet heute in Berlin. Ihr neues Buch „Zukunftsmusik“ spielt in der späten Sowjetunion und hat angesichts der jüngsten Ereignisse natürlich besondere Aufmerksamkeit erfahren.
Obwohl Katerina Poladjan den Roman vor Ausbruch des Ukraine-Krieges geschrieben und in der Vergangenheit angesiedelt hat, kann man ihn auch als Beitrag zur Situation im heutigen Russland lesen.
Wie die Autorin eine an sich trostlose Szenerie in magische Poesie verwandeln kann, zeigt schon der erste Satz ihres Buches: „Tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau ragte das Skelett einer Radarstation in den Nachthimmel, schwach beleuchtet von den Lampen der Glühbirnenfabrik, die immer brannten.“ Mit wenigen Worten fängt sie die gewaltigen Dimensionen des Sowjetreiches ein und beschwört gleichzeitig eine Endzeitstimmung herauf.
Die Handlung des Buches konzentriert sich auf einen einzigen Tag im Leben der Bewohner einer Kommunalka, einer Art Zwangs-WG, irgendwo in Sibirien. Es ist der 11. März 1985, und aus allen Radios und Lautsprechern tönt von früh bis spät Chopins Trauermarsch, der als Leitmelodie den ganzen Roman grundiert. Der Tag markiert eine Zeitenwende. Der greise Staatschef ist gestorben. Ein gewisser Michail Gorbatschow wird am selben Tag sein Nachfolger werden, was aber noch niemand in der Kommunalka ahnt. Und doch liegt etwas wie Hoffnung in der Luft.
In einer einst eleganten, jetzt aber heruntergekommenen großbürgerlichen Wohnung sind wegen der überall herrschenden Wohnungsnot mehrere Parteien einquartiert. Fünf Kochherde stehen in der Gemeinschaftsküche, und an der Wand im Flur hängen die Klobrillen der Bewohner an ihren Haken. Einen Raum der Kommunalka teilen sich die vier Frauen einer Familie: die herbe, aber lebenslustige Urgroßmutter Warwara, die hübsche, sanfte Großmutter Maria Nikolajewna, die von schönen Kleidern und liebenswürdigen Männern träumt, und ihre zornige 20-jährige Tochter Janka. Sie verkörpert die junge, verlorene Generation der Sowjetunion und sehnt sich nach Freiheit und intensiven Gefühlen. Sie will eine andere Musik machen als den allgegenwärtigen Trauermarsch: Zukunftsmusik. Am Abend möchte sie in der Küche ein Punkkonzert veranstalten. Die drei erwachsenen Frauen sind berufstätig und kümmern sich abwechselnd um Jankas kleine Tochter. Die Männer der Familie sind abhanden gekommen oder waren nie da.
In locker komponierten Episoden, aus wechselnden Perspektiven, erzählt die Autorin von den Ängsten und Sehnsüchten ihrer Figuren und fängt damit die Atmosphäre in der späten Sowjetunion ein. Sie schildert, wie die Frauen mit der Mühsal und Tristesse des russischen Alltags zu kämpfen haben, mit der mangelnden Privatsphäre, dem täglichen Schlangestehen, der Bespitzelung und der Illusionslosigkeit. Und doch wirkt das Buch federleicht und nicht anklagend. Katerina Poladjan schlägt einen ganz eigenen, unverwechselbaren Erzählton an. Er ist traurig und komisch zugleich, verspielt und poetisch.
In einem Zimmer neben den Frauen lebt Matwej Alexandrowitsch, ein Ingenieur in geheimer staatlicher Mission, ein Apparatschik. An ihm zeigt die Autorin die Härte der Sowjetdiktatur und die erstaunliche Bereitschaft vieler Bürger, sich ihr gläubig zu unterwerfen. Als junger Mann wurde Matwej Opfer von Denunziation und einer staatlichen Strafaktion, dennoch hält er an der großen Idee fest und glaubt an die Eroberung des Kosmos durch die Sowjetunion. Dabei ist gerade er eine vielschichtige Figur. Seit vielen Jahren verehrt er auf eine altmodische, zarte Weise seine Mitbewohnerin Maria Nikolajewna. Er liebt die Poesie und spricht so gewählt, als käme er aus einem russischen Roman des 19. Jahrhunderts.
Überhaupt gibt es in „Zukunftsmusik“ zahlreiche Anspielungen auf die große Tradition der russischen Literatur, auf Dostojewski, Turgenjew, Tschechow und viele andere. Katerina Poladjan öffnet damit einen weiten Raum jenseits der engen Sowjetdoktrin.
Der tristen Realität des Sozialismus setzt sie im Roman eine phantasievolle, zunehmend surreale Welt entgegen, die an Bulgakows „Meister und Margarita“ erinnert. Dabei arbeitet sie mit starken Symbolen. In der Kommunalka gibt es ein Zimmer mit einem Loch in der Decke, durch das ein Bewohner davongeflogen ist, ein Symbol für Aufbruch und Freiheit. Jetzt sieht man den Himmel. Am Ende des Tages wird das verfallende Haus überraschenderweise abgerissen - ein eindrucksvolles Bild für den Untergang der Sowjetunion. Die junge Janka findet sich plötzlich in einer phantastischen Szenerie. Durch eine Tür blickt sie in eine verheißungsvolle Landschaft und ist „glücklich wie eine Genesende, die nach langer Krankheit zum ersten Mal nach draußen tritt“.
Katerina Poladjans schöner, melancholischer Roman macht froh und traurig zugleich. Beim Lesen ist man beglückt, einfach deshalb, weil er so gut ist. Gleichzeitig ist er deprimierend, denn was ist aus der Hoffnung auf Wandel, aus der Aufbruchstimmung in Russland geworden! „Jetzt sind wir da, wo wir auch vorher waren“ sagt die Autorin in einem Interview. Es ist „sehr traurig, dass wir es nicht geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen.“
Lilly Munzinger, Gauting

Katerina Poladjan
"Zukunftsmusik"
S. Fischer
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Mittwoch 15.06.2022
Alexander Kluge „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
Er schreibt über Coronaviren als handele es sich um Außerirdische auf der Suche nach Biomasse. „Ein fremdes Lebewesen klopft an unsere Tür“ nennt Alexander Kluge eines seiner Kapitel in „Das Buch der Kommentare“. Und es fällt dem 90jährigen nicht schwer, von diesem aktuellen, bis vor wenigen Monaten noch alles beherrschenden Thema auf Adolf Hitler zu kommen, der in den ersten Monaten des Jahres 1943 an einer „Kopfgrippe“ erkrankte. Infiziert von einem Unteroffizier, der dem Oberhaupt des Deutschen Reiches die Haare schneiden sollte. Da halfen auch keine Sicherheitsringe rund um die Wolfsschanze, keine schwerbewaffneten SS-Wachen, keine noch so strengen Zugangskontrollen. Das Virus suchte und fand andere Wege und legte im Anschluss seinen Wirt für einige Wochen lahm.
Kluge beschreibt seit Jahrzehnten die Welt in der wir leben. Er springt vom Gegenwärtigen zum Vergangenen, macht deutlich, dass alles miteinander im Fluss ist, nichts allein für sich existiert. Und wie nebenher kommentiert er diese Welt, mit intelligenten Vergleichen und Metaphern.
Beschreiben und kommentieren - diese beiden Ausgangspunkte, Sichtweisen und Einschätzungen sind nicht immer identisch und können hin und wieder sich gegenseitig ausschließen oder provozieren. Nicht jede Betrachtungsweise kommt am Ende zum gleichen Resultat. Denn es steckt schon in der Natur des Kommentars, dass es sich hierbei um eine ganz subjektive Einschätzung von Realität handelt, die von der, die wir als objektiv bezeichnen, sehr wohl um einiges abweichen kann.
Doch bei Kluge bestehen eben auch Kommentare aus eigenständigen Geschichten und Anekdoten. Das macht sie im doppelten Sinn so lesenswert und kurzweilig. In dem er eine Situation betrachtet und erlebt, entstehen sofort neue Ideen, wie Gedankenketten in Form von Erzählungen. Und das macht seine Texte zusätzlich auch noch spannend. So bekommt das Historische, neben den richtungsweisenden Geschichtszahlen und Daten, auch immer eine stark emotionale Seite. Vielleicht ist dies die eigentliche Kunst des Filmemachers, Fernsehproduzenten, Schriftstellerers, Drehbuchautors, bildender Künstlers. Ein Chronist unserer Zeit, der in der Lage ist, dem historisch Relevanten in Form von subjektiven und gefühlsbetonten Berichten Leben einzuhauchen.
Die beiden jetzt erschienen Bände „Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“ sind Bücher zum zwischendurch genießen. Man sollte sie nicht am Stück lesen. Dann geht viel verloren. Es sind kleine Portionen an Literatur und Intellekt, die wirken und die sich oft erst im Laufe der Zeit wirkungsvoll entfalten. Kluge kommentiert Trump und Freud, schreibt über Gewitter, Alpenarchitektur und die letzten Agenten der untergegangenen DDR. Und in „Zirkus / Kommentar“ beschäftigt er sich intensiv mit einem Thema, das ihn schon viele Jahre begleitet: der Zirkus. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos“ ist ein Film, den Kluge 1968 drehte und der in diesem Band in einer Art Reflektion noch einmal auftaucht. „Ratlos ist kein negatives Attribute“, schreibt der Autor bezüglich auf den Filmtitel. „Ratlosigkeit ist ein Zustand, der Suchbegriffe in Gang setzt. Besser ratlos als tatenlos. Das Wort ratlos zeigt, dass es eine erste Frage gibt, die ungelöst ist.“
Jörg Konrad

Alexander Kluge
„Das Buch der Kommentare“ & „Zirkus / Kommentar“
Suhrkamp
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